Mehr als drei Jahre nach einem tödlichen Lawinenunglück im Berner Oberland beginnt der Prozess gegen die beiden Leiter der Skitour. Eine 18-jährige Amerikanerin und ein gleichaltriger Brite kamen am 21. März 2023 am Gstelliwang in Meiringen ums Leben. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Bergführer und dem zweiten Begleiter fahrlässige Tötung vor.
Kurz zusammengefasst
- Zwei 18-jährige Teilnehmer starben im März 2023 während einer geführten Skitour bei Meiringen.
- Die Untersuchung des SLF (Institut für Schnee- und Lawinenforschung) weist vor allem auf Risiken bei der zweiten Abfahrt durch einen 40–45 Grad steilen Nordhang hin.
- Der Prozess beginnt am Mittwoch, den 12. August 2026, in Thun; beide Begleiter bestreiten, ihre Sorgfaltspflicht verletzt zu haben.
Skitour mit zwölf Personen
Die Gruppe bestand aus zwölf Personen: einem Bergführer, einem Jugend+Sport-Begleiter, sieben Schülern einer Privatschule und drei weiteren Teilnehmern. Die meisten Jugendlichen besuchten die École d’Humanité in Hasliberg und waren zwischen 17 und 21 Jahre alt.
Die Gruppe startete gegen 10:30 Uhr zu einer Skitour von Broch aus. Über den Scheenenbielhubel stiegen die Teilnehmer Richtung Gstelliwang am Fuße der Wellhorn-Nordwand auf. Gegen 14:15 Uhr erreichte die Gruppe eine Höhe von etwa 2500 Metern.
Erste Abfahrt verläuft ohne Probleme
Bei der ersten Abfahrt wählte der Bergführer laut der offiziellen Analyse des SLF (Institut für Schnee- und Lawinenforschung) eine Route durch weniger steiles Gelände. Er fuhr als Erster ab und wies die anderen Teilnehmer an, Abstand zu halten. Die gesamte Gruppe erreichte problemlos einen Sammelpunkt oberhalb des Scheenenbielhubels. Danach entschieden sich die Teilnehmer für einen erneuten Aufstieg für eine zweite Abfahrt.
Zweite Abfahrt durch steileren Hang
Für die zweite Abfahrt wählte die Gruppe einen westlicheren Teil des Gstelliwang. Diese Route führte durch einen Nordhang mit einer Neigung von etwa 40–45 Grad. Der Bergführer fuhr erneut als Erster ab und legte eine Begrenzungsspur fest. Fünf Teilnehmer folgten ihm und erreichten sicher den Sammelpunkt. In dem Moment, als zwei weitere Jugendliche den Hang abfuhren, löste sich ein großer Teil der Schneedecke.
Enorme Lawine reißt zwei Teenager mit
Die Lawine löste sich gegen 16:15 Uhr und war laut SLF etwa 280 Meter breit und 1300 Meter lang. Die Schneemassen rissen die beiden 18-jährigen Teilnehmer mit. Eine Schülerin, die kurz vor der Amerikanerin Emily abgefahren war, hörte laut Aussagen aus der Ermittlungsakte plötzlich ein Geräusch hinter sich. Als sie sich umblickte, sah sie die Lawine herabstürzen. Sie konnte wegfahren und hörte ihre Mitschülerin noch schreien, verlor sie dann aber aus den Augen. Ein anderer Schüler beobachtete das Unglück von einer tiefer gelegenen Stelle aus und gab später an, es habe gewirkt, als ob der gesamte Berghang plötzlich in Bewegung geraten sei.
Brite unter zwei Metern Schnee gefunden
Der 18-jährige Brite konnte noch am selben Tag mit einem Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) lokalisiert werden. Er lag etwa zwei Meter tief im Schnee und wurde nach circa 1 Stunde und 35 Minuten gefunden. Die Rettungskräfte konnten nur noch seinen Tod feststellen.
Die Amerikanerin blieb vermisst. Rettungsdienste suchten mehrere Tage lang mit Hubschraubern, Suchhunden und Spezialgeräten, jedoch ohne Erfolg. Erst am 18. Juni 2023 wurde sie im Rychenbach gefunden. Die Kantonspolizei Bern teilte damals mit, dass unter anderem die Rega, Air-Glaciers, Swiss Helicopter, die Alpine Rettung Schweiz und verschiedene Gebirgsspezialisten an der Rettungsaktion beteiligt waren.
Lawinengefahr lag bei Stufe 2
Am Tag des Unglücks galt die Lawinengefahrenstufe 2, also mäßige Lawinengefahr. Das Lawinenbulletin warnte jedoch ausdrücklich vor einem Altschneeproblem. Besonders an steilen Nord- und Osthängen könnten Wintersportler im Skiurlaub örtlich Lawinen auslösen. Diese könnten bis in schwache, tiefer liegende Schneeschichten durchbrechen und dadurch groß werden. Das Bulletin empfahl daher eine vorsichtige Routenwahl. Untersuchungen nach dem Unfall bestätigten, dass die Lawine in einer Schwachschicht im Altschnee entstand. An einigen Stellen wurde fast die gesamte Schneedecke mitgerissen.
Experten kritisieren zweite Abfahrt
Im Auftrag der Staatsanwaltschaft untersuchten Experten des SLF die Entscheidungen der beiden Begleiter. Laut Untersuchungsergebnissen gab es beim Aufstieg und der ersten Abfahrt kaum etwas an ihrem Vorgehen auszusetzen. Kritischer sehen die Experten die zweite Abfahrt. Sie können die Wahl des steilen und exponierten Teils des Nordhangs schwer nachvollziehen. Ihrer Einschätzung nach wären dort zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen erforderlich gewesen.
Welche Schlüsse das Gericht daraus zieht, muss sich während des Prozesses zeigen. Die beiden Begleiter bestreiten, ihre Sorgfaltspflicht verletzt zu haben.
Urteil für den 14. August erwartet
Der Prozess beginnt am Mittwoch, den 12. August 2026, um 08:30 Uhr am Regionalgericht Oberland in Thun. Für die Verhandlung sind acht Stunden angesetzt. Laut offiziellem Sitzungsplan stehen zwei Personen wegen zweifacher fahrlässiger Tötung vor Gericht. Das Urteil ist für Freitag, den 14. August, um 15:00 Uhr geplant. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt für beide Beschuldigten die Unschuldsvermutung.






