© Skinachrichten.de

Dutzende Schweizer Gletscher könnten diesen Sommer verschwinden

Die Schweiz erlebt eines der schwersten Schmelzjahre für ihre Gletscher seit Beginn der Messungen. Der Glaziologe Matthias Huss erwartet, dass diesen Sommer 20 bis 30 kleine Gletscher vollständig verschwinden werden. Einer davon, der Bella-Tola-Gletscher im Wallis, scheint bereits weggeschmolzen zu sein.

Kurz zusammengefasst

  • Die Schweiz steuert auf die zweitstärkste Gletscherschmelze zu, die jemals gemessen wurde.
  • Der Glaziologe Matthias Huss erwartet, dass in diesem Jahr 20 bis 30 kleine Gletscher vollständig verschwinden könnten.
  • Laut dem letzten Gletscherinventar zählt die Schweiz noch etwa 1400 Gletscher – vor 150 Jahren waren es noch 1000 mehr.

Kleine Gletscher am stärksten gefährdet

„Wir sind auf dem Weg zur zweitstärksten Gletscherschmelze, die wir je gemessen haben“, sagt der Glaziologe Matthias Huss, Leiter des Schweizer Gletschermessnetzes GLAMOS. Besonders die kleinen Gletscher reagieren empfindlich auf die aktuelle Situation. Huss erwartet, dass dieses Jahr viele dieser kleinen Gletscher verschwinden werden. Eine genaue Zahl ist schwer zu nennen, aber er rechnet mit etwa 20 bis 30 Gletschern, deren verbleibendes Eis vollständig wegschmelzen könnte.

Bella-Tola im Wallis scheint verschwunden zu sein

Viel Aufmerksamkeit erregte in den letzten Tagen das Verschwinden des kleinen Bella-Tola-Gletschers oberhalb von Saint-Luc im Kanton Wallis. Die Zeitung Le Nouvelliste berichtete darüber, nachdem Wanderer Fotos an die Redaktion geschickt hatten. Der Gletscher lag auf 3025 Metern Höhe; laut dem letzten Inventar von 2023 hatte er noch eine Fläche von der Größe von sieben Fußballfeldern.

Huss kann das Verschwinden nicht unabhängig bestätigen. Auf den Fotos lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob das gesamte Eis weg ist: Unter Schutt und Steinen kann sich noch Eis befinden. „Der Bella-Tola-Gletscher war schon seit fünf Jahren kein aktiver, gesunder Gletscher mehr“, sagt er. Er hält es jedoch für wahrscheinlich, dass der Gletscher in diesen Tagen komplett verschwindet.

Wann ist ein Gletscher „tot“?

Das Ende eines Gletschers eindeutig festzustellen, ist nicht einfach. „Ein Gletscher wird immer kleiner und wird von Schutt und Steinen bedeckt“, erklärt Huss. Irgendwann lässt sich kaum noch unterscheiden, was noch Gletscher und was Toteis ist: losgelöstes Eis, das nicht mehr mit dem aktiven Gletscher verbunden ist und sich nicht mehr bewegt. Sinkt ein Gletscher unter einen Hektar, wird er nicht mehr in das Inventar aufgenommen. Erst in ein paar Jahren, beim nächsten Gletscherinventar, kann definitiv festgestellt werden, ob der Bella-Tola wirklich verschwunden ist.

Wenig Schnee und frühe Hitze

Auch bei den großen Schweizer Gletschern ist die Situation angespannt. Zwei ungünstige Faktoren kommen dieses Jahr zusammen: Die Gletscher kamen mit wenig Schnee aus dem Winter, und schon früh im Sommer setzte massive Hitze ein. Dadurch fehlt dem Eis sein wichtigster Schutz.

Eine geschlossene Schneedecke reflektiert einen Großteil der Sonneneinstrahlung. Sobald dieser Schnee weg ist, liegt dunkleres, älteres Eis frei. Dieses nimmt mehr Energie auf und schmilzt dadurch schneller. Bereits Ende Juni waren die winterlichen Schnee- und Eisreserven laut GLAMOS größtenteils aufgebraucht; normalerweise passiert das erst im August. Nur im Rekordjahr 2022 wurde dieser Wendepunkt noch früher erreicht.

Rekordjahr 2022 wird wahrscheinlich nicht übertroffen

Wie stark die Schmelze diesen Sommer genau ausfällt, lässt sich noch nicht endgültig sagen; die Messungen laufen noch. Huss geht jedoch davon aus, dass die Schmelze die des Rekordjahres 2022 nicht erreichen wird. Damals gingen in der Schweiz etwa 6 % der gesamten Gletschermasse verloren.

Im Jahr 2022 sorgten wenig Schnee im Winter und Frühjahr, Saharastaub, der die Oberfläche verdunkelte, und eine außergewöhnliche Sommerhitze für eine historisch hohe Schmelze. In diesem Jahr lag etwas mehr Schnee auf den Gletschern und der Saharastaub fiel weniger stark ins Gewicht.

Teile diesen Artikel:

Wonach suchen Sie?