Es ist nun 100 Tage her, dass der schreckliche Brand in der Inferno-Bar in Crans-Montana ausbrach, bei dem 41 Menschen ums Leben kamen und mehr als 100 Verletzte ihr Leben für immer verändert sahen. Die Überlebenden müssen sich immer noch schweren Operationen unterziehen und werden lebenslang mit den Folgen des Dramas leben müssen. In einem kritischen Artikel in der Schweizer Zeitung Blick legt Chefredakteur Rolf Cavalli die fünf bitteren Wahrheiten über die Ereignisse seit dem Brand und die langsame Suche nach Gerechtigkeit offen.
Wahrheit 1: Es gibt Opfer, aber keine Verantwortung
Die Besitzer der Bar, das Ehepaar Moretti, kamen nicht ins Gefängnis und erhielten lediglich eine Kaution. Der Gemeindepräsident, Nicolas Féraud, bleibt im Amt und wird erst 103 Tage nach dem Brand verhört. Die Opfer haben Gesichter, aber die Verantwortlichen scheinen nur durch ihre Funktionen definiert zu werden. Die Frage bleibt: Wer übernimmt tatsächlich die Verantwortung für diese Tragödie?
Wahrheit 2: Das System spielt auf Zeit
Die ersten Reaktionen waren Schock und Wut: blockierte Notausgänge, brennbare Materialien und mangelhafte Kontrollen. Heute bleiben die wichtigsten Fragen jedoch unbeantwortet: Warum wurde nicht kontrolliert? Warum griffen die Behörden trotz ihrer Aufsichtspflicht nicht ein? Cavalli schreibt, dass diese Fragen von den beteiligten Behörden nicht beantwortet werden und dass die Zeit vergeht, ohne dass konkrete Schritte unternommen werden.
Wahrheit 3: Politiker schützen ihre Ämter, nicht die Menschen
Die Politik hat zwar Anteilnahme gezeigt, aber intern bleibt es still. Man vergleiche dies mit der schnellen Reaktion der Kantonspolitik nach der Naturkatastrophe in Blatten, bei der Walliser selbst Opfer waren. Im Fall von Crans-Montana gab es keine intensiven Debatten oder eine kritische Aufarbeitung. Im Gegenteil, das Gesetz wurde sogar gelockert, anstatt verschärft zu werden.
Wahrheit 4: Der Bund zeigt Präsenz, aber keine Führung
Guy Parmelin, der Schweizer Bundespräsident, legte Kränze nieder, aber das war es dann auch schon. Justizminister Beat Jans wollte handeln, aber seine Initiative, ein Millionenfonds für Vergleiche, war politisch naiv und ließ Tatkraft vermissen. Klar bleibt, dass der Bund den Ball lieber weiterspielt, als Verantwortung zu übernehmen.
Wahrheit 5: Veränderung kommt von außen
Der Druck aus Italien hat endlich Bewegung in die Sache gebracht. Italien hat Fragen gestellt und Forderungen erhoben, wodurch endlich Maßnahmen ergriffen wurden. Das System funktioniert jedoch nicht von selbst; es muss gestört werden. Ohne Druck von außen würden wir immer noch im Dunkeln tappen, was in Crans-Montana wirklich passiert ist.
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Die große Frage nach 100 Tagen
Die eigentliche Frage nach 100 Tagen bleibt: Will die Schweiz wirklich Verantwortung übernehmen? Oder versucht sie nur Zeit zu gewinnen, in der Hoffnung, dass die Aufmerksamkeit nachlässt? Die Zeit heilt Wunden, aber in Crans-Montana scheint sie den Verantwortlichen zu helfen und nicht den Opfern.
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